Der Schritt zur Mündigkeit
March 31st, 2008© Craig Bullen - Fotolia.com
Heute gibt es ein außerordentlich lesenswertes Interview mit US-Präsident Bush auf Welt Online:
Bush: (…) Ich bin entschieden der Meinung, dass die Demokratie in Osteuropa auf dem Vormarsch ist, und das ist gut für die Welt. Freilich, beschwerlich ist der Prozess schon. Demokratie ist schwer. Es ist ein mühsames Geschäft, eine Demokratie zu perfektionieren. (…) Wir müssen in der Frage der Demokratie bescheiden und demütig auftreten, denn wir wissen aus Erfahrung sehr gut, wie schwierig Demokratie sein kann.
Es braucht Geduld und Ausdauer und Vertrauen darin, dass die Demokratie am Ende zu einem besseren Leben und zum Frieden führt. Ich bin zum Beispiel davon überzeugt, dass das, was wir im Nahen Osten leisten, zu Frieden führen wird. Ich glaube, Freiheit ist ein universeller Wert. Es gibt Leute, die sagen, Bush will den Menschen seine Werte aufzwingen. Das sind doch aber nicht meine Werte, sondern universelle Werte – Werte, die sich in der Geschichte bewährt haben, Werte auch, die gottgegeben sind. Und ich denke, dass diejenigen, die ein gutes und bequemes Leben führen, die Pflicht haben, anderen zu helfen, auch in den Genuss von Freiheit zu kommen. Das ist das einzige wirksame Gegenmittel gegen Ideologen, die um ihrer politischen Ziele willen Unschuldige ermorden.
(…) Die Demokratie im Irak steht noch ganz am Anfang. (…)
WELT ONLINE: Was entgegnen Sie denn denen, die der Meinung sind, die Demokratie passe zwar zu den Staaten des Westens, nicht aber zu Ländern, die – wie die meisten arabischen Staaten – nur auf eine Tradition von Diktatur und Autokratie zurückblicken können?
Bush: Ja, diese Leute gibt es in der Tat. Ich sage ihnen, sie ignorieren, dass Freiheit etwas Universelles ist. Und ich sage ihnen, es ist die höchste Form elitärer Gesinnung, wenn einer sagt: Ich selbst kann zwar frei sein – die da aber vermutlich nicht. Es geht einfach nicht, die Menschen ihren tyrannischen Regimes zu überantworten.
(Hervorhebungen von mir)
Dass ausgerechnet die Deutschen mit all dem ein Problem haben und Bush für die Weltbedrohung Nr. 1 halten, ist eine einzige Peinlichkeit. Abgesehen davon, dass u.a. die Amerikaner mit der Besiegung der Nazis uns selbst ermöglicht haben, in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft zu leben, sagte schon Immanuel Kant, den wir alle zu unserem ehrwürdigen, deutschen Kulturgut zählen, in seiner Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? 1784:
“Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (…) den Schritt zur Mündigkeit, außerdem, daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar ebenso groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.
Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vor der Hand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.
Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende, sogar unter den eingesetzten Vormündern des großen Haufens, finden, welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten werden.”





 