Verschwörungstheorien (Folge 6)
November 4th, 2007Heute schreibt H. M. Broder im Spiegel, dass das Interview von Michel Friedman mit dem ehemaligen RAF-Verteidiger und heutigen Neo-Nazi und Nazi-Ideologen Horst Mahler in der Zeitschrift „Vanity Fair“ ein pathologischer Unsinn sei.
Interview Teil 1
Interview Teil 2
Dieser Meinung bin ich nicht. Im Gegenteil, ich denke, dass dieses Interview in der jetzigen gesellschaftlichen Meinungslage eine sehr kluge Sache ist. Allerdings nur, wenn das Interview tatsächlich auch als „Skandal“ einschlägt und möglichst viel diskutiert wird. In den Blogs aus meiner Blogroll ist leider nicht viel oder gar nichts darüber zu lesen. Der Skandal wird totgeschwiegen, vermutlich, weil Broder allzu sehr Recht hat, wenn er schreibt, dass Friedman in gewisser Weise ausgenutzt wurde. Nur gehe ich persönlich davon aus, dass sich Friedman bewusst dafür hergegeben hat.
Denn: x-Mal ist es mir in den letzten Jahren passiert, dass mir Leute erzählt haben, sie glauben, 9/11 wäre von der CIA inszeniert worden. Verschwörungsdenken hat Konjunktur. Seit dem Irak-Krieg erklimmt der Antiamerikanismus in Deutschland neue Höhen. In den arabischen Ländern herrscht ein ausgeprägter und primitiver Antisemitismus, sämtliche Stereotypen, die auch unter Hitler beliebt waren, sind dort anzutreffen. Durch manche Immigranten und Fernsehsender wie “Al Manar“ werden diese Ideen und Bilder in die Köpfe von Jugendlichen in Deutschland gebracht. Bush wird von vielen Leuten als die Inkarnation Hitlers gesehen. Vorgestern klagte eine Bekannte von mir über „unser politisches System“, das sie sowieso dem kapitialistisch verursachten Untergang geweiht sah. Antisemitismus als umfassende Verschwörungstheorie ist in Deutschland zwar nicht ‚in’, aber das ist vor allem so, weil der geschichtliche Schock des Holocaust noch zu tief sitzt. Lockert sich das kollektive Schuldbewusstsein erst einmal, ist es im Grunde nur ein kleiner Schritt vom Antiamerikanismus oder anderen Verschwörungstheorien zum Antisemitismus à la Horst Mahler. Meiner Meinung nach leidet ein großer Teil der deutschen Bevölkerung an einem tiefen Missverständnis der weltgeschichtlichen Vorgänge: Iran wird von vielen als verkannter Freund, Amerika als Feind gesehen. Die Terrorgefahr in Deutschland halten viele für einen Vorwand Schäubles. Über Israel / Palästina wird nach dem Schema aggressive Täter / hilflose Opfer berichtet. Usw.
Das Vanity-Interview entlarvt nicht nur Horst Mahler als eine irgendwie traurige, gescheiterte und psychisch kranke Person, sondern auch und vor allem die Verschwörungsvorlieben der Deutschen, insbesondere der deutschen Linken.
FRIEDMAN: War die RAF, was Ihre Positionen angeht, dass die Juden des Teufels sind, waren Andreas Baader, Ensslin, Meinhof auch Ihrer Meinung, damals schon…?
HORST MAHLER: Ja, sicher. Nicht in dem Sinne, wie Sie es jetzt gerade ausgedrückt haben.
FRIEDMAN: In welchem Sinne?
HORST MAHLER: Sondern für uns war damals der Begriff “der US-Imperialismus”, und jetzt sieht man klarer, was der US-Imperialismus ist, und insofern: Der Feind ist derselbe. Die Mittel, ihn zu bekämpfen, haben sich gewandelt mit Erkenntnissen, die aus diesem Prozess erwachsen sind.
und Horst Mahler sagt:
HORST MAHLER: Damals war das, was Sie jetzt unter Antijudaismus verstehen, der Antizionismus und die Kritik an der Politik Israels als eines jüdischen Staates im Verhältnis zu seinen Nachbarn. Das war uns präsent, und insoweit sind wir dann auch in der Kritik an den Juden sehr weit gegangen für damalige Verhältnisse.
und hier der Gedanke “Die Machtfäden ziehen andere im Hintergrund”:
HORST MAHLER: Und die jüdischen Banken haben die Macht. Das sind nicht nur Banken, das sind Geldsammelstellen ganz allgemein. Und die haben die anderen auch in Abhängigkeit. Das ist ja das jüdische Prinzip, in einem zweiten Gebiet die Fäden zu ziehen und der eigentliche Herrscher hinter den Herrschern zu sein.
und, auch an sowas denken viele (”Des einen Mörder ist des anderen Freiheitskämpfer”):
FRIEDMAN: So. Nun haben Sie das jetzt relativiert und sagen: Das [9/11]waren die Amerikaner selbst. So weit, so verstanden. Aber jetzt anders gefragt: Es gibt viele Terroranschläge gegen Amerika. Halten Sie die Terroranschläge gegen Amerika für rechtens? Sie haben ja dieses damals unter dem Gedanken, es sei nicht von Amerikanern geschehen, auch als rechtens bezeichnet.
HORST MAHLER: Aber in einem ganz bestimmten Zusammenhang, und den darf man nicht außer Acht lassen. Wenn es denn ein taugliches Mittel ist, die Abhängigkeit der Welt und die Beherrschung der Welt von dem, was USrael genannt wird, zu beseitigen, dann ist das auch rechtens im ethischen Sinne.
Im Grunde genommen muss man einigen (nicht allen) von Mahlers Sätzen nur „Juden“ mit „USA“ (oder „Geheimbund“) ersetzen, dann hat man Sätze, die viele, viele Deutsche genau so unterschreiben würden.
Das ist das Entlarvende, deshalb ist das Interview eine geniale Idee.
Das Interview ist eindeutig: es offenbart die Gedanken eines ausgewiesenen Neonazis. Die meisten Menschen, die das Interview lesen, wollen keine Neonazis sein und müssen nun den ein oder anderen Gedanken, den sie hegen, und mit dem sie mit Mahler übereinstimmen, noch einmal hinterfragen. Sehr gut!
Als vor ca. 2 Jahren Ahmadinejad einen Brief an Bundeskanzlerin Merkel schrieb , war die Lage keineswegs so eindeutig. Der Brief enthielt Gedankengänge, die man eindeutig als rechtsextrem einordnen muss. Aber wenige erkannten das. Ich schickte damals einer guten Freundin ohne nähere Kommentare den Link in der Erwartung, von ihr eine empörte eMail zu bekommen, was für ein rechtsextremer Schurke doch Ahmadinejad sei. Statt dessen schrieb sie mir zurück, dass sie den Inhalt des Briefes sehr interessant fände.
Und noch etwas entlarvt das Mahler-Interview exemplarisch: die Gefahr eines eklektisch zusammengestellten Weltbilds, dessen einziger Maßstab ausschließlich der einzelne Mensch selbst ist. Mahler ist offensichtlich ein viel belesener und gebildeter Mann, der sich reichlich aus dem angelesenen Weisheitsschatz bedient, um seine Psychose mit einem logischen Weltbild-Konstrukt zu bemänteln: ein bisschen Churchill, ein bisschen Buber, ein bisschen Goethe, und das Ganze fest verschnürt mit Hegel und hie und da noch das Etikett „Gott“ draufgeklebt.
Wie sich in einer gerade stattgefundenen Blog-Diskussion um Atheismus vs. Theismus (an der ich beteiligt war) mal wieder zeigte, fürchten sich die meisten Menschen zwar vor unmündigen, hörigen Gläubigen, die ihr Hirn an so gefährliche Institutionen wie die katholische Kirche gegen das fadenscheinige Versprechen, dafür nicht in die Hölle zu kommen, verkaufen. Sie fürchten sich aber nicht vor selbstherrlichen Egomanen, die ihr Weltbild zusammenzimmern aus Versatzstücken und dabei, ohne prüfende Instanz, die ihre Ergebnisse in Frage stellen könnte, ausschließlich sich selbst ausgeliefert sind und ihre eigenen Meinungen zum Maßstab aller Dinge nehmen.
Interessant auch zum Thema „Rechtsextremismus und linker Antiimperialismus“: vor ca. einem Jahr hatte ich eine Diskussion mit einem entfernten Bekannten, nennen wir ihn B und einem befreundeten Amerikaner, nennen wir ihn A.
Von B weiß ich, dass er rechtsextrem ist, Neonazi-Ansichten hat und den Holocaust leugnet bzw. relativiert und wegerklärt, ähnlich wie Horst Mahler. A ist in seinen politischen Ansichten weit links zu verorten. Beide, A und B, wussten über ihre gegenseitige Einstellung nichts. Wir kamen irgendwie auf das Thema Irak-Krieg, Amerika usw. zu sprechen. A und B waren sich in fast allen Punkten vollkommen einig und bestärkten sich in gegenseitiger Sympathie, um mich davon zu überzeugen dass:
-Amerika international ausschließlich imperialistische Interessen verfolgt
-die „jüdische Lobby“ allzu viel Einfluss auf die amerikanische Politik habe
-Iran ein natürliches Recht auf die Atombombe habe
-Israel ein Unrechtstaat von Anfang an sei
-der Irak-Krieg wegen des Öls geführt wird
-Saddam Hussein „not so bad“ war und die Amis nur Vorwände gesucht haben, um den Krieg führen zu können
-die Bombardierung von Dresden ein Unrecht war, dem viel zu wenig Rechnung getragen wird
-an dem Terrorismus im Irak und auf der ganzen Welt in erster Linie die Amerikaner selbst Schuld haben
-die amerikanischen Soldaten im Irak keine Helden, sondern entweder Verbrecher oder ausgenutzte Naive sind
-die Weltpolitik von ominösen, geheimen Mächten gesteuert wird, deren Wurzeln wiederum in bestimmten Geheimbünden liegen
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NACHTRAG: Zettel schreibt auch über das Thema: hier klicken!
NACHTRAG 2: http://www.welt.de/politik/article1405815/Eine_Reise_zu_den_Grenzen_der_Meinungsfreiheit.html





 




   


   


