Nahostkonflikt In a Nutshell
January 14th, 2009Warum der Nahost Konflikt einfach zu vestehen,
aber schwierig zu lösen ist
von ex-blond

Es gibt eine Antwort auf diese Frage.
(Das Foto stammt von einer kleinen Anti-Israel-Demo vom 11.1.2009 in Frankfurt am Main.
Ich wĂŒrde die Israelis wahrscheinlich hassen, wĂŒrde ich als PalĂ€stinenserin in Gaza leben. Ganz abgesehen von der arabischen Hass-Propaganda in Schule, Fernsehen und Zeitungen, mit der ich aufgewachsen wĂ€re, wĂŒrde ich auch zu viele wahre Geschichten von himmelschreienden Ungerechtigkeiten gehört oder selbst erlebt haben. Ganz zu schweigen von der schutz- und ausweglosen Situation in Gaza jetzt, wĂ€hrend der israelischen Bombardierungen!
WĂŒrde ich Israelin sein, wĂŒrde ich die PalĂ€stinenser hassen. Nicht alle natĂŒrlich, ich wĂŒrde in Gedanken einen Unterschied machen zwischen denjenigen, die Hass und Vernichtung sĂ€en und den unschuldigen PalĂ€stinensern, die nur verblendet und benutzt werden. Wahrscheinlich wĂŒrde ich jemanden kennen, der jemanden kennt, dessen Bruder 2002 bei einem Attentat in einem CafĂ© sein Leben verlor.
Auf dieser Ebene sind sich glaube ich alle einig darĂŒber, dass es sich um einen kaum zu lösenden und zu entwirrenden Konflikt des Hasses und Widerhasses handelt. Wie können solche tiefen, gegenseitigen, bösen Verstrickungen jemals gelöst werden und in einer friedlichen, gegenseitig wohlwollend annehmenden Akzeptanz enden? Die Lösung dafĂŒr scheint beinahe unmöglich zu sein.
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Das Problem hierbei ist, dass die meisten Menschen und die Medien den Nahost-Konflikt auf dieser Mikro-Ebene betrachten und beurteilen. Die Schlussfolgerung lautet dabei immer: beide Seiten tragen Schuld, beide Seiten mĂŒssen aufeinander zugehen, mehr Gewalt bringt nur mehr Gewalt â Krieg ist keine Lösung. Peace!
Unter dieser Perspektive, die ich eben âMikro-Ebeneâ nannte, weil sie den Fokus auf einzelne Ereignisse richtet, auf schreckliche Einzelschicksale, und daraus SchlĂŒsse auf das groĂe Ganze zieht, unter dieser Perspektive scheint der Nahost-Konflikt derart undurchschaubar und verfahren, dass höchstens sogenannte âNahostexpertenâ in den Medien ein Urteil abgeben können. Denn nur solche Experten haben (wie wir hoffen) ein ausreichendes Wissen ĂŒber das Hin und Her, ĂŒber das Attentat und den Vergeltungsschlag, ĂŒber die Zahl der Opfer und die politische Lage im Nahen Osten, dass sie eine kompetente EinschĂ€tzung der Lage abgeben können.
Man muss aber gar nicht Nahostexperte sein, um den Nahostkonflikt und die jĂŒngsten Ereignisse beurteilen und verstehen zu können. Statt sich mit allen Details zu befassen, muss man aus der Nahaufnahme der persönlichen Betroffenheit und der persönlichen Schicksale wegzoomen und sich den groĂen Zusammenhang ansehen. Man muss von der Mikro-Ebene auf die Makro-Ebene wechseln.
Und auf dieser Makro-Ebene muss man nur einen einzigen Sachverhalt kennen.
Dieser Sachverhalt lautet:
Das Ziel der palÀstinensischen und der anderen arabischen Terrororganisationen wie Hamas, Hisbollah, Fatah etc. ist die Vernichtung des Staates Israel.
Das ist alles. Mehr muss man nicht wissen. Aus dieser Tatsache leitet sich alles andere ab. Der gesamte Nahostkonflikt ist â auf der Makro-Ebene - durchsichtig und verstehbar, wenn man diesen einen Sachverhalt kennt.
Aber halt! Ist das nicht auch wieder subjektiv?! Eine israelische PropagandalĂŒge! Das kann ja jeder behaupten! Die Welt ist nicht einfach, sondern kompliziert! Und die PalĂ€stinenser behaupten ja genau das Gleiche! NĂ€mlich dass Israel die Vernichtung oder Vertreibung der PalĂ€stinenser will und deren Land klauen! Und der Bekannte Ihrer Bekannten ist PalĂ€stinenser und der will ganz bestimmt nicht âIsrael vernichtenâ â das können Sie beschwören!
Es ist aber nicht subjektiv und keine israelische PropagandalĂŒge. Vielmehr ist das sogar Bestandteil der schriftlichen Verfassung, die sich die Hamas selbst gegeben hat. Mit anderen Worten: die Hamas existiert, weil sie sich dieses Ziel gegeben hat â dieses Ziel ist gewissermaĂen die Existenzberechtigung der Hamas und anderer Terrororganisationen, die sich durch dieses Ziel â die Vernichtung des jĂŒdischen Staates Israels â selbst definiert haben.
In der Charta der Hamas heiĂt es wörtlich:
âIsrael existiert und wird weiter existieren, bis der Islam es ausgelöscht hat, so wie er schon andere LĂ€nder vorher ausgelöscht hat.â (PrĂ€ambel)âDie Islamische Widerstandsbewegung ist eine ausschlieĂlich palĂ€stinensische Bewegung, die Allah die Glaubenstreue hĂ€lt und deren Weg der Islam bestimmt. Sie strebt danach, das Banner Allahs ĂŒber jedem Zentimeter PalĂ€stinas zu entfalten.â (Artikel 6)
âDas jĂŒngste Gericht wird nicht kommen, solange Moslems nicht die Juden bekĂ€mpfen und sie töten. Dann aber werden sich die Juden hinter Steinen und BĂ€umen verstecken, und die Steine und BĂ€ume werden rufen: âOh Moslem, ein Jude versteckt sich hinter mir, kommâ und töte ihn.ââ (Artikel 7)
âDas Land PalĂ€stina ist ein Islamischer Waqf (Heiliger Besitz), der den kommenden Generationen der Moslems bis zum Ende der Zeiten als VermĂ€chtnis gegeben wurde. Es darf weder darauf verzichtet werden, noch darf etwas davon abgetrennt werden.â (Artikel 11)
âPalĂ€stina ist ein islamisches Land ⊠Deshalb ist die Befreiung PalĂ€stinas fĂŒr jeden Moslem die höchste persönliche Pflicht, wo immer er sich befindet.â (Artikel 13)
âFriedensinitiativen und so genannte Friedensideen oder internationale Konferenzen widersprechen dem Grundsatz der Islamischen Widerstandsbewegung. Die Konferenzen sind nichts anderes als ein Mittel, um UnglĂ€ubige als Schlichter in den islamischen LĂ€ndern zu bestimmen ⊠FĂŒr das PalĂ€stina-Problem gibt es keine andere Lösung als den Jihad. Friedensinitiativen sind reine Zeitverschwendung, eine sinnlose BemĂŒhung.â (Artikel 13)
âDer Jihad ist die persönliche Pflicht jedes Moslems, seit die Feinde Teile des moslemischen Landes geraubt haben. Angesichts des Raubes durch die Juden ist es unvermeidlich, dass ein Banner des Jihad gehisst. wird.â (Artikel 15)
â(âŠ) Vom gemeinsamen Kampf gegen den Zionismus abzulassen ist Hochverrat; verflucht ist, wer eine solche Tat begeht.â (Artikel 32)
Anmerkung: mit âTeile des moslemischen Landesâ (Art. 15) ist ganz Israel, d.h. auch Tel Aviv, Haifa usw. gemeint)Â
WĂŒrde die Hamas das Ziel der Vernichtung des Staates Israel aufgeben, wĂŒrde sie sich selbst einen Teil ihrer eigenen Existenzberechtigung als Organisation unter den FĂŒĂen wegziehen. Dieses Ziel ist das Licht, unter dem die Hamas den Nahost-Konflikt betrachtet und entsprechend handelt sie. Ein Aufgeben dieses Ziels (der Vernichtung Israels) wĂŒrde entweder eine Selbstaufhebung der Hamas bedeuten oder mindestens einen ganz fundamentalen, ideologischen Wandel.
PLO, Hamas, Fatah, Hisbollah, und andere â sie alle verfolg(t)en dieses eine Ziel und verfolgen es auch weiterhin, jedoch mit unterschiedlichen Strategien und Mitteln und unterschiedlich gefassten Zeithorizonten.
Das ist die Makro-Ebene, und das ist alles, was man wissen muss.
Warum aber weiĂ das keiner? Warum eröffnet nicht abends der Tagesschau-Sprecher die Meldung ĂŒber den Gaza Krieg mit einem grundsĂ€tzlichen âWie sie wissen, meine Damen und Herren, strebt die Hamas die Vernichtung Israels an âŠâ
Und - Wenn alles so einfach ist: Warum gibt es keine Massendemonstrationen zu Gunsten Israels in allen europĂ€ischen GroĂstĂ€dten? Warum demonstrieren statt dessen Hunderttausende gegen Israel?
Auf diese Frage habe ich bisher zwei Antworten gefunden.
1. Moralische Feigheit
Mit klaren, moralischen Urteilen zwischen Recht und Unrecht tun sich die EuropĂ€er, insbesondere die Deutschen, sehr schwer. (Ich halte das fĂŒr eine Folge des moralischen Schocks, den die Nazis den Deutschen und den EuropĂ€ern zugefĂŒgt haben. Das ist aber ein anderes Thema, das ich an dieser Stelle nicht vertiefen will.) Das EuropĂ€ische Ideal lautet âFairheit und NeutralitĂ€tâ. âMoralâ hingegen grĂŒndet entweder im Letzten religiös, womit die sĂ€kularisierten EuropĂ€er ein arges Problem haben. Oder Moral ist subjektiv, und damit relativierbar, so dass objektiv nicht ersichtlich ist, warum die eine Moral besser als die andere sein sollte. Deshalb halten sich die EuropĂ€er an âFairheit und NeutralitĂ€tâ, die sie, da âMoralâ ja wegfĂ€llt, ausschlieĂlich als Gleichbehandlung definieren. Irgendwie hat jeder ein bisschen Recht und die Wahrheit liegt -grundsĂ€tzlich â in der Mitte. Peace!
2. Antisemitismus
Ja, diese Keule muss ich an dieser Stelle leider zĂŒcken. Jeder Journalist, jeder BĂŒrger, der, wenn er gefragt wird, Israel fĂŒr eine semi-faschistischen, aggressiven, kriegslĂŒsternen Staat hĂ€lt, hat gute Argumente parat, dies zu begrĂŒnden. Daran ist zunĂ€chst einmal nichts auszusetzen. Ich halte solche Meinungen nicht per se fĂŒr antisemitisch. Nur fĂŒr falsch. Aber die Menge, die allgemeine Tendenz (gegen Israel), der breite Konsens gegen Israel: der ist auf einer abstrakten Ebene antisemitisch. Also kein persönlicher Antisemitismus â d.h. kaum jemand wird heute wie die Nazis auf die Idee kommen, ein Jude sei ein Untermensch. Aber es ist ein abstrakter Antisemitismus, ein Antisemitismus auf einer gröĂeren, abstrakteren Ebene â auf der Makro-Ebene. Irgendetwas liegt in der Luft, das beim Thema Israel den Zeiger auf der Misstrauensskala ganz nach oben schnellen lĂ€sst. Irgendetwas veranlasst die Menschen dazu, die annĂ€hernd 6000 Kassam-Raketen, die in den letzten beiden Jahre seit dem RĂŒckzug aus dem Gazastreifen auf Israel niederregneten, nicht ernst zu nehmen oder darĂŒber nicht angemessen zu berichten. Irgendetwas will nur die Mikro-Ebene der persönlichen Schicksale sehen und nicht nĂŒchtern einen Blick auf die Makro-Ebene werfen. Mit den Stimmen der arabischen Staaten wurden in UNO Vollversammlungen so viele Resolutionen gegen Israel erlassen und so viele Sondersitzungen zum Nahostkonflikt einberufen wie zu keinem anderen Thema auf der Welt. Gleichzeitig gibt es in arabischen Fernsehsendern und Zeitungen einen offenen und primitiven Antisemitismus, welcher der âStĂŒrmerâHetze aus der Nazi-Zeit beste Konkurrenz macht. Irgendetwas bewirkt, dass das niemanden stutzig macht, dass darĂŒber kaum berichtet wird, dass diese Dinge nicht in Zusammenhang gebracht werden, sondern im Gegenteil, dass die Leute sich auf die UNO berufen. Dieses âirgendetwasâ halte ich fĂŒr einen abstrakten Antisemitismus.
Nachtrag: ausfĂŒhrliche Informationen ĂŒber die Ziele der Hamas hat in den Jahren 2001 bis 2008 die Journalistin Gudrun Eussner in ihrem Blog zusammengestellt - hier klicken!
Hier noch zwei sehenswerte Filme:






