
© herb - Fotolia.com                     “böse”?
Eine gute Freundin von mir liebäugelt mit der Partei „Die Linke“. Wir haben in beinahe allen Fragen zum Weltgeschehens und des Menschenbildes vollkommen entgegengesetzte Positionen. Aber sie ist eine der wenigen Personen, mit der man sich bei einer Tasse Tee vergnüglich so richtig kontrovers heiß diskutieren kann, ohne dass man um die Freundschaft fürchten muss.
Am Sonntag haben wir telefoniert.
Moralische Urteile dürfe man nicht fällen, sagte sie. Und „das Böse“ sei schon einmal ganz und gar ein unmöglicher Begriff.
Gut, sagte ich, dann stelle ich Dir jetzt eine Frage, die Du mit nur einem einzigen Wort beantworten darfst. OK?
SchieĂź los, sagte sie.
„Waren die Nazis böse? Ja oder nein?“
Meine Freundin sagte im Stakkato: Auf sowas könne sie sich nicht einlassen denn das mĂĽsse man alles viel differenzierter betrachten und man mĂĽsse unterscheiden und…
… mir schoss der Begriff „Autobahn“ durch den Kopf, ein bekanntlich stark verfänglicher Stolperstein und so lenkte ich ein und stellte in einem neuen Versuch die ultimativ einfachst zu beantwortende Frage der Welt:
„War Hitler böse?“
Also auf solche plakativen Fragespiele könne sie nicht so einfach antworten, das sei alles viel zu vereinfacht und…
„War Hitler böse? Ja oder Nein?“
Sie konnte und wollte die Frage nicht mit einem einfachen „Ja“ beantworten.
Ich fühlte mich natürlich extrem bestätigt in meiner Annahme, dass „links denken“ nicht nur bedeutet, bestimmte gesellschaftliche Probleme auf eine bestimmte Art und Weise lösen zu wollen, sondern dass dem auch ein komplett anderer „Mindset“, eine andere Grundhaltung, eine andere Art, über die Welt zu denken, zu Grunde liegt.
Mein Eindruck ist, dass es eine steigende Werterelativierung gibt und insbesondere eine Werte-Verwirrung, insbesondere im linken oder atheistischen oder agnostischen oder esoterisch-pseudoreligiösen Spektrum.
Der Fortlauf des Gesprächs war dann aber interessant und erhellend. Es stellte sich nämlich heraus, dass meine Freundin Hitlers Handlungen als „falsch“ bewerten würde (die Worte „gut“ und „böse“ wollte sie nicht verwenden), während sie sich agnostisch gab zur Person Hitlers, d.h. behauptete, dass sie nicht wissen könne, was Hitler im Innersten dazu trieb, auf diese falsche Art und Weise zu handeln. Da Hitlers Handlungen extrem „falsch“ waren, wäre sie auch bereit gewesen, ihn zu erschießen, um größeres Unheil abzuwenden. Das heißt, meine Freundin unterschied zwischen den Handlungen eines Menschen und dem Menschen als Person.
Und am Rande dieses Punktes fanden wir eine kleine Gemeinsamkeit. Denn auch ich denke, dass man das allerletzte Urteil über einen Menschen Gott überlassen muss, weil wir als fehlbare Menschen immer in Gefahr sind, uns irren zu können.
Der Unterschied zwischen meiner Freundin und mir ist, dass ich meine, man kann (und darf und muss) mit großer Wahrscheinlichkeit von den Taten eines Menschen moralisch auf die Person schließen und – gottähnlich – eine Person als „gut“ oder „böse“ bezeichnen, wobei man die menschliche Fehlbarkeit in Kauf nehmen muss, während meine Freundin sich dieses Urteils prinzipiell verweigerte. Im Grunde genommen bedeutet dies, dass ich einen viel größeren Glauben an die Freiheit des menschlichen Willens habe und an die prinzipielle Möglichkeit des Menschen, erkennen zu können, was gut und böse ist, als meine Freundin.
Leider führt diese demütige (oder feige?) Haltung, sich eines Urteils über einen Menschen oder gar über ein Terror-Regime prinzipiell zu verweigern, zu einer Lähmung. Wenn man grundsätzlich nicht mehr benennen kann, wer/was gut oder böse ist, wird es schwer, Orientierung in der Welt zu finden und Wertvorstellungen weiterzugeben, ganz zu schweigen davon, dem Bösen aktiv Einhalt zu gebieten. (Siehe der pseudo-empörte, feige und nur vermeintlich gebildete, vielmehr stark verwirrte Aufschrei über Bushs Schlagwort „Die Achse des Bösen“.)
Deshalb hier an alle, die kein moralisches Urteil über andere Menschen/Regierungen fällen mögen:
Die Wahrscheinlichkeit, dass Hitler (Stalin, Mao, Hussein, Yong-il, Ahmadinejad etc) in irgendeiner uns verborgenen Weise derart determiniert war, dass ihm keine Schuld zukommen kann und er daher nicht in der Hölle schmort sondern auf einem Wölkchen Harfe spielend frohlockt, liegt nur ca. bei 0,000000000000000000000000001 % würde ich sagen, weshalb wir getrost sagen dürfen: Hitler war böse. Und moralisch gesehen entsprechend hätten handeln müssen.